
Wenn Gemeinschaften feststecken Folge 4: Warum Protokolle plötzlich zum Konfliktherd werden
Kaum ist das Protokoll der Stockwerkeigentümerversammlung verschickt, treffen die ersten Rückmeldungen ein.
"So habe ich das nicht gesagt."
"Dieser Satz fehlt."
"Das wurde an der Versammlung ganz anders diskutiert."
"Dieser Beschluss ist so nicht korrekt festgehalten."
Was zunächst wie eine Diskussion über Formulierungen aussieht, ist häufig Ausdruck einer ganz anderen Entwicklung.
Ein Protokoll soll Klarheit schaffen
Das Protokoll hält fest, was an der Versammlung behandelt und beschlossen wurde.
Es dient der Nachvollziehbarkeit.
Es schafft Orientierung.
In funktionierenden Gemeinschaften wird ein Protokoll gelesen, allenfalls präzisiert und anschliessend abgelegt.
In festgefahrenen Gemeinschaften beginnt mit dem Versand des Protokolls oft erst die eigentliche Diskussion.
Wenn jedes Wort auf die Goldwaage gelegt wird
Eigentümer beginnen einzelne Formulierungen zu analysieren.
Jeder Satz erhält plötzlich Bedeutung.
Nicht selten entstehen umfangreiche Stellungnahmen.
Ergänzungen werden verlangt.
Frühere Protokolle werden hervorgeholt.
Die eigentliche Frage lautet dann nicht mehr:
"Was wollen wir gemeinsam erreichen?"
Sondern:
"Was wurde damals genau gesagt?"
Das Protokoll ist selten die Ursache
Natürlich gibt es unklare oder unvollständige Protokolle.
In meiner Erfahrung ist dies jedoch selten der eigentliche Kern des Problems.
Viel häufiger macht das Protokoll etwas sichtbar, das bereits vorher entstanden ist.
Vertrauen ist verloren gegangen.
Aussagen werden unterschiedlich interpretiert.
Eigentümer möchten sich absichern.
Die Vergangenheit gewinnt gegenüber der Zukunft an Bedeutung.
Wenn sich die Gemeinschaft nur noch rückwärts bewegt
Je länger Konflikte bestehen, desto häufiger richtet sich der Blick zurück.
Frühere Beschlüsse werden erneut diskutiert.
Alte Versammlungen werden bewertet.
Bereits abgeschlossene Themen werden wieder geöffnet.
Die Gemeinschaft beschäftigt sich immer intensiver mit ihrer Geschichte.
Immer weniger jedoch mit ihrer Zukunft.
Was mir in meiner Arbeit immer wieder auffällt
Wenn ein Protokoll selbst zum Hauptthema einer Gemeinschaft wird, liegt die eigentliche Herausforderung meist nicht im Protokoll.
Sie liegt häufig dort, wo Vertrauen verloren gegangen ist und unterschiedliche Wahrnehmungen nicht mehr zusammenfinden.
Das Protokoll wird dann zum Spiegel einer Entwicklung, die bereits lange vorher begonnen hat.
Schlussgedanke
Ein gutes Protokoll schafft Klarheit.
Es kann jedoch verlorenes Vertrauen nicht ersetzen.
Und es kann keine Gemeinschaft wieder handlungsfähig machen.
Jede Stockwerkeigentümergemeinschaft hat ihre eigene Geschichte. Wer sie versteht, erkennt oft auch den Weg nach vorne.
Katharina Blattner
bächtold-liegenschaften & schreib-office GmbH
Werterhalt | STWEG-Prozessbegleitung | Verwaltung von Stockwerkeigentümergemeinschaften