Wenn Gemeinschaften feststecken - Folge 12: Vertrauen kann man nicht beschliessen

Wenn Gemeinschaften feststecken - Folge 12: Vertrauen kann man nicht beschliessen

An jeder Stockwerkeigentümerversammlung werden Beschlüsse gefasst.

Über Budgets.

Über Sanierungen.

Über Reglementsänderungen.

Über Rückstellungen.

Über die Verwaltung.

Beschlüsse gehören zum Alltag einer Gemeinschaft.

Es gibt jedoch etwas, worüber zwar häufig gesprochen wird, das sich aber nie mit einem Mehrheitsentscheid beschliessen lässt.

Vertrauen.

Vertrauen verschwindet selten von heute auf morgen

Kaum eine Gemeinschaft verliert ihr Vertrauen durch ein einzelnes Ereignis.

Viel häufiger beginnt es mit kleinen Irritationen.

Eine Information kommt später als erwartet.

Ein Beschluss wird unterschiedlich verstanden.

Eine Zusage bleibt unerfüllt.

Eine Formulierung im Protokoll sorgt für Diskussionen.

Für sich allein betrachtet sind solche Ereignisse oft unbedeutend.

Mit der Zeit entstehen daraus jedoch Zweifel.

Wenn jede Handlung hinterfragt wird

Sobald Vertrauen schwindet, verändert sich die Wahrnehmung.

Plötzlich erhält jede E-Mail eine besondere Bedeutung.

Jede Formulierung wird analysiert.

Jede Verzögerung weckt Fragen.

War das Absicht?

Warum wurde ich nicht informiert?

Warum wurde genau diese Formulierung gewählt?

Nicht die Handlung verändert sich.

Die Wahrnehmung verändert sich.

Vertrauen entsteht nicht durch einen Beschluss

Manchmal besteht die Hoffnung, dass nach einer schwierigen Versammlung wieder Ruhe einkehrt.

Vielleicht mit einer neuen Verwaltung.

Vielleicht mit einem neuen Beschluss.

Doch Vertrauen funktioniert anders.

Es entwickelt sich langsam.

Durch nachvollziehbare Abläufe.

Durch Verlässlichkeit.

Durch Transparenz.

Und durch die Erfahrung, dass Vereinbartes auch umgesetzt wird.

Vertrauen ist das Ergebnis – nicht der Anfang

Immer wieder höre ich:

"Wenn wir uns wieder vertrauen würden, könnten wir bessere Entscheidungen treffen."

Vielleicht ist es gerade umgekehrt.

Vielleicht entstehen Vertrauen und Sicherheit erst dann wieder, wenn eine Gemeinschaft Schritt für Schritt erlebt, dass gemeinsames Handeln wieder möglich ist.

Was mir in meiner Arbeit immer wieder auffällt

Ich habe noch nie erlebt, dass eine Stockwerkeigentümergemeinschaft Vertrauen beschliessen konnte.

Ich habe jedoch erlebt, dass Vertrauen langsam zurückkehrte.

Nicht durch grosse Worte.

Sondern durch viele kleine Erfahrungen, die zeigten:

Wir können wieder miteinander arbeiten.

Wir können wieder Entscheidungen treffen.

Wir können uns wieder aufeinander verlassen.

Schlussgedanke

Vertrauen ist kein Traktandum.

Es ist auch kein Beschluss.

Vertrauen entsteht dort, wo Menschen erleben, dass Zusammenarbeit wieder möglich wird.

***

Jede Stockwerkeigentümergemeinschaft hat ihre eigene Geschichte. Wer sie versteht, erkennt oft auch den Weg nach vorne.

Katharina Blattner

bächtold-liegenschaften & schreib-office GmbH

Werterhalt & Bewirtschaftung STWEG-Prozessbegleitung Projektführung bei anspruchsvollen Immobilienvorhaben

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