
Wenn Gemeinschaften feststecken - Folge 11: Wenn jede Partei überzeugt ist, die Wahrheit zu kennen
Die Eigentümerversammlung dauert bereits über zwei Stunden.
Die Diskussion verläuft engagiert.
Sachlich.
Teilweise emotional.
Jeder bringt nachvollziehbare Argumente vor.
Und trotzdem kommt die Gemeinschaft keinen Schritt weiter.
Am Ende der Versammlung verlassen viele den Raum mit derselben Überzeugung:
"Ich habe doch recht."
Genau darin liegt häufig das eigentliche Problem.
Unterschiedliche Wahrheiten gehören dazu
Eine Stockwerkeigentümergemeinschaft besteht aus Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen.
Da ist der Eigentümer, der seit Jahrzehnten im Haus lebt.
Die junge Familie, die erst vor Kurzem eingezogen ist.
Der Investor, der wirtschaftlich denkt.
Die Pensionärin, die auf planbare Kosten angewiesen ist.
Alle betrachten dieselbe Situation.
Und dennoch sieht jeder etwas anderes.
Recht haben genügt nicht
Viele Diskussionen scheitern nicht daran, dass falsche Argumente vorgebracht werden.
Im Gegenteil.
Oft enthalten mehrere Sichtweisen berechtigte Überlegungen.
Die Schwierigkeit beginnt dort, wo jede Partei ausschliesslich die eigene Sichtweise verteidigt.
Die Gemeinschaft verliert dadurch den Blick auf das gemeinsame Ziel.
Zuhören verändert sich
Zu Beginn einer Diskussion hören Eigentümer einander zu.
Mit zunehmender Dauer verändert sich dies häufig.
Es wird nicht mehr zugehört, um den anderen zu verstehen.
Es wird zugehört, um möglichst rasch das nächste Gegenargument zu formulieren.
Die Diskussion bewegt sich im Kreis.
Die Vergangenheit wird immer präsenter
Je länger ein Konflikt dauert, desto häufiger werden frühere Ereignisse herangezogen.
Alte Beschlüsse.
Frühere Verwaltungen.
Vergangene Versammlungen.
Frühere Konflikte.
Die Vergangenheit erhält zunehmend mehr Gewicht als die Zukunft.
Was mir in meiner Arbeit immer wieder auffällt
Ich begegne selten Eigentümern, die bewusst gegen ihre Gemeinschaft handeln möchten.
Die meisten möchten ihre Liegenschaft erhalten.
Sie möchten faire Lösungen.
Und sie möchten ernst genommen werden.
Gerade deshalb ist es wichtig zu verstehen, dass mehrere Eigentümer gleichzeitig berechtigte Anliegen haben können.
Entscheidend ist nicht, wer Recht hat.
Entscheidend ist, ob daraus eine gemeinsame Entscheidung entstehen kann.
Schlussgedanke
Eine Stockwerkeigentümergemeinschaft muss nicht immer derselben Meinung sein.
Sie muss jedoch einen Weg finden, unterschiedliche Sichtweisen in gemeinsame Entscheidungen zu überführen.
Erst dann wird aus vielen Einzelmeinungen wieder eine Gemeinschaft.
Jede Stockwerkeigentümergemeinschaft hat ihre eigene Geschichte. Wer sie versteht, erkennt oft auch den Weg nach vorne.
Katharina Blattner
bächtold-liegenschaften & schreib-office GmbH
Werterhalt & Bewirtschaftung
STWEG-Prozessbegleitung
Projektführung bei anspruchsvollen Immobilienvorhaben